„Ungebändigte Gewalt bis in die Provinz“! Der Frühjahrsvortrag beim Plaidter Geschichtsverein
Die Ereignisse und die Toten rund um den 9. November 1938 waren Thema beim diesjährigen Frühjahrsvortrag des Plaidter Geschichtsvereins am 10. April. Thematisch bewusst gewählt, möchte der PGV damit an die im November 2025 erfolgte Übergabe des von der Westerwälder Künstlerin Simone Levy entworfenen Mahnmals für die Opfer des Nationalsozialismus an die Gemeinde Plaidt anknüpfen.
Bis auf den letzten Stuhl war der Willibrordsaal in der Hummerich-Halle besetzt, darunter viele auswärtige Gäste.
Referentin war Carolin Manns aus Koblenz und Bildungsreferentin für den Förderkreis Synagoge Laufersweiler im Hunsrück, die seit 2023 im Auftrag der Landeszentrale für politische Bildung in Mainz eine Arbeitsgruppe leitet. So bekannt dieses Datum und dieser Wendepunkt in der deutschen Geschichte ist, so unbekannt sind viele Details im Ablauf der Novemberpogrome, vor allem was die genaue Zahl der Opfer betrifft. Im öffentlichen Bewusstsein, leider auch noch in einigen aktuellen Schulbuchdarstellungen, findet sich regelmäßig die Meinung, dass insgesamt 91 Opfer gezählt werden können.
Diese Wissenslücken zu schließen und eine Publikation nach nordrhein-westfälischem Vorbild anzufertigen, ist Ziel der Forschungsinitiative um Carolin Manns.
Einblick in diese Studien, ergänzt durch die Darstellung von einzelnen jüdischen Schicksalen, gab die Referentin im ersten Teil ihres Vortrags. Im zweiten Teil beschäftigte sie sich mit der Niederbrennung der Synagoge in der Andernacher Moltkestraße und der späteren juristischen Aufarbeitung, deren Akten im Landeshauptarchiv Koblenz zu finden sind. Insgesamt kann bei der juristischen Untersuchung, bei der auch die Andernacher SA-Führer Ernst Wildt und Bürgermeister Dr. Hermann Datz angeklagt waren, von keiner wirklichen Aufarbeitung und Schuldzuweisung die Rede sein. Es wurde das allseitig genehme Bild propagiert, die Brandstiftung sei von einem unbekannten „Neuwieder Rollkommando“ ausgeführt worden. In der Person von Ernst Wildt findet sich eine direkte Verbindung zu Plaidt: Er war zu Beginn der 1930er Jahre Gutsverwalter des Pommerhofes.
Eine schriftliche Fassung des Vortrages von Carolin Manns wird in dem Jahrbuch des Plaidter Geschichtsvereins, den „Plaidter Blättern“, im Dezember 2026 erscheinen.